Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster

Hans Fallada, der große deutsche Erzähler und Chronist der wechselvollen Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg, wurde am 21. Juli 1893 in Greifswald als Rudolf Ditzen geboren. Er gab sich später den Namen Fallada nach Grimmschen Märchenfiguren.

Nach humanistischer Vorbildung übte der Sohn des Landrichters Wilhelm Ditzen und der Rechtsanwaltstocher Elisabeth Ditzen (geb. Lorenz) viele Jahre hindurch die verschiedensten Berufe aus. Im Oktober 1928 kam Hans Fallada nach Neumünster und fand eine Anstellung als Anzeigenwerber beim „Generalanzeiger für Neumünster“, bei dem er schon bald darauf auch journalistische Aufgaben übernahm.

Die Geschehnisse um eine blutig verlaufene Demonstration schleswig-holsteinischer Bauern, die zum sog. Landvolkprozess führte, der im Oktober/November 1929 in Neumünster stattfand und an dem Fallada als Gerichtsreporter teilnahm, bilden die Grundlage seines 1931 erschienen Buches „Bauern, Bonzen und Bomben“. Fallada starb am 5. Februar 1947 in Berlin. Auf dem Friedhof in Carwitz ist er neben seiner Mutter und seiner Frau bestattet worden.

Auch die beiden nächsten, seinen Weltruhm begründenden Bücher „Kleiner Mann - was nun?“ und „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ wären wohl ohne die in Neumünster verbrachten Jahre nicht entstanden.

Die Stadt Neumünster nahm die 50-jährige Wiederkehr des Erscheinens von „Bauern, Bonzen und Bomben“ zum Anlass, einen „Hans-Fallada-Preis“ auszusetzen und 1981 erstmals zu verleihen.

Der Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster 2020 geht an den deutsch-bosnischen Schriftsteller Sas̆a Stanis̆ić.
Die Jury fällte ihre Entscheidung auf ihrer Sitzung am 2. Oktober 2019 unter Würdigung des 2019 im Luchterhand Verlag erschienenen Prosabands „Herkunft“. Die Jury begründet ihre Entscheidung wie folgt:

„Sas̆a Stanis̆ić schickt in seinem autofiktionalen Text ‚Herkunft‘ den Ich-Erzähler auf Expeditionen in den Erinnerungsschatz seiner Familie, der sich über drei Generationen hinweg bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs erstreckt. Dabei wird das am Buchanfang gesetzte Motiv der Demenz der Großmutter auf virtuose Weise verschränkt mit der Wiedererlangung, ja Rettung individueller historischer Erfahrung durch die Spurengänge des Erzählers in die Vergangenheit. Eine besondere Rolle spielen die Orte der familiären Wurzeln, die durch einen überbordenden Reichtum kultureller Facetten bis hin zu magischen Räumen verdichtet werden. Dies alles geschieht in einer offenen, wunderbar geschmeidigen Erzählform und einem spielerischen Sprachgestus, der die bitteren Momente migrantischer Erfahrung zärtlich und ohne billigen Trost aufbewahrt.“

Der Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster wird alle zwei Jahre verliehen, er ist mit 10.000 Euro dotiert und soll am 10. März 2020 im Rahmen einer feierlichen Abendveranstaltung an den 19. Preisträger überreicht werden. Mitglieder der Jury waren dieses Mal: 1. Stadtrat Carsten Hillgruber als Vorsitzender, Dr. Sandra Kerschbaumer, Dr. Stefan Knüppel, Burkhard Möbius, Dr. Wolfgang Sandfuchs, Frauke Tensfeldt und Franziska Wolffheim.

Sas̆a Stanis̆ić wurde 1978 in Visegrad im damaligen Jugoslawien geboren. Als Folge des ethnischen Bürgerkriegs im zerfallenden Jugoslawien flüchtete die Familie 1992 nach Heidelberg, wo er später Slawistik und Deutsch als Fremdsprache studierte. Als Romanautor debütierte Stanis̆ić 2006 mit dem autobiografischen Band „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Seither erhielt er eine ganze Reihe literarischer Auszeichnungen, darunter den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (2005), den Alfred-Döblin-Preis (2013), den Preis der Leipziger Buchmesse (2014), den Rheingau-Literaturpreis (2016), den Schubart-Preis der Stadt Aalen (2017) und den Deutschen Buchpreis (2019). Der Autor lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster 2018 bekam die deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Sandra Hoffmann am 20. März 2018 von Stadtpräsidentin Anna-Katharina Schättiger überreicht. Die Jury hatte ihre Entscheidung auf ihrer Sitzung am 18. Oktober 2017 unter Würdigung von Hoffmanns 2017 erschienenem Prosaband „Paula“ (Hanser Berlin) getroffen und begründete dies wie folgt:

„Sandra Hoffmanns Buch Paula, eine autobiografisch geprägte Familiengeschichte über drei Generationen, ist ein dichter Text von schmerzhafter Intensität. Die Autorin führt uns in einen beengten Kosmos in Oberschwaben, in dem das Schweigen der Großmutter, die ängstlich ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit hütet, regiert. Mit eindringlichen Bildern beschreibt Hoffmann das ambivalente Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelin, das für die Jüngere zu einer Hassliebe wird. Darüber hinaus ist Paula ein berührendes Stück Zeitgeschichte, in dem die Autorin kunstvoll Realität und Fiktion verbindet und behutsam das Porträt einer Frau zeichnet, die sich im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit gegen immer neue Schicksalsschläge behaupten muss.“

Der Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster wird alle zwei Jahre verliehen, er ist mit 10.000 Euro dotiert. Mitglieder der Jury waren dieses Mal: 1. Stadtrat Carsten Hillgruber (Vorsitz), Wend Kässens, Dr. Sandra Kerschbaumer, Burkhard Möbius, Dr. Wolfgang Sandfuchs, Frauke Tensfeldt und Franziska Wolffheim.

Sandra Hoffmann wurde 1967 in Laupheim/Württemberg geboren und absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Heimerzieherin, bevor sie an der Universität Tübingen unter anderem Literaturwissenschaft und Mediävistik (Wissenschaft von der Geschichte, Kunst, Literatur usw. des europäischen Mittelalters) studierte. Seit 2003 arbeitet sie als freie Schriftstellerin, nachdem 2002 mit der Tagebuch-Erzählung „Schwimmen gegen Blond“ das Debüt erfolgte. 2004 wurde sie zur Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen. Seit 2010 ist sie als Lehrbeauftragte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und als freie Mitarbeiterin für das Literaturhaus München tätig. Neben einer Reihe von Schriftstellerstipendien erhielt Sandra Hoffmann 2012 den Thaddäus-Troll-Preis.

  • 2018: Sandra Hoffmann (*1967)
  • 2016: Jonas Lüscher (*1976)
    > Laudatio
    > Erwiderung
  • 2014: Jenny Erpenbeck (*1967)
    > Laudatio
    > Erwiderung
  • 2012: Wolfgang Herrndorf (1965 - 2013)
    > Laudatio
    > Erwiderung
  • 2010: Lukas Bärfuss (*1971)
    > Laudatio
    > Preisrede
  • 2008: Ralf Rothmann (*1953)
  • 2006: Iris Hanika (*1962)
  • 2004: Wilhelm Genazino (*1943)
  • 2002: Birgit Vanderbeke (*1956)
  • 2000: Thomas Brussig (*1965)
  • 1998: Bernhard Schlink (*1944)
  • 1996: Günter Grass (1927–2015)
  • 1993: Helga Schubert (*1940)
  • 1990: Jurek Becker (1937 - 1997)
  • 1988: Ralph Giordano (1923 - 2014)
  • 1985: Sten Nadolny (*1942)
  • 1983: Ludwig Fels (*1946)
  • 1981: Erich Loest (1926 - 2013)

1. Der „Hans-Fallada-Preis“ wird bevorzugt an jüngere Schriftstellerinnen/Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Raum verliehen, die in ihren veröffentlichten literarischen Arbeiten – Prosa – Zeitprobleme, vorzugsweise des letzten Jahrzehnts, mit politisch-sozialem Hintergrund behandeln, so wie es Hans Fallada in seinem literarischen Werk getan hat.

2. Der Preis wurde erstmals 1981, dann im Abstand von jeweils 2 Jahren vergeben. Er ist mit einer Zuwendung in Höhe von 10.000 Euro verbunden, die auch auf zwei Preise à 5.000 Euro aufgeteilt werden kann.

3. Der „Hans-Fallada-Preis“ wird nicht ausgeschrieben und Selbstbewerbungen sind ausgeschlossen. Die Auswahl der Preisträgerin/des Preisträger erfolgt ausschließlich durch die Jury, in der jedes Jurymitglied nur eine Stimme hat. Jedes Jurymitglied kann 2 Vorschläge machen. Die Entscheidung der Jury wird mit einfacher Stimmenmehrheit gefasst und ist endgültig. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

4. Die Sitzungen der Jury werden von der Kulturdezernentin/dem Kulturdezernenten einberufen. Sie finden in Neumünster statt, sind nicht öffentlich und vertraulich.

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