04.11.2009
Lukas Bärfuss erhält den Fallada-Preis 2010
Der Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster 2010 geht an den in Zürich lebenden Dramatiker und Schriftsteller Lukas Bärfuss unter Würdigung seines zuletzt erschienenen Romans „Hundert Tage" (2008, Wallstein Verlag Göttingen). Die Jury begründete in ihrer Sitzung am 2. November 2009 ihre Entscheidung wie folgt:
„Mit seinem Roman „Hundert Tage" gelingt Lukas Bärfuss ein längst überfälliger literarischer Perspektivenwechsel, bei dem sich der europäische Blick auf Afrika seines obsoleten Exotismus und vor allem seiner Romantizismen entledigt. Vor dem Hintergrund des Genozids in Ruanda erkundet Bärfuss den Spannungsverlauf zwischen dem vermeintlich Guten und den pragmatischen Aporien, die aus einer ‚humanistisch' definierten und in Wahrheit interessegeleiteten Entwicklungshilfe unausweichlich entstehen. Dubios wird hierdurch das Ethos jeglicher „Hilfe zur Entwicklung", insoweit sie mit dem Gestus überlegener Wissenschaft operiert und ihre eigene moralische Ausrichtung nicht fortwährend kritisch überprüft. Als Dramatiker unterwirft Bärfuss seine Geschichte ausgeprägten, ja grausamen Spannungsmomenten sowie jähen Umschwüngen, ohne auch nur entfernt der Gefahr des Kolportagehaften zu erliegen. Im Gegenteil, sein erzählerischer Duktus behauptet sich durch Verdichtung und Detailsättigung gegenüber diesem hochriskanten Stoff auf souveräner Höhe."
Die feierliche Preisverleihung wird voraussichtlich Ende März 2010 in Neumünster stattfinden. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Mitglieder der Jury waren: Stadtrat Günter Humpe-Waßmuth als Vorsitzender, Ralf Rothmann (voriger Preisträger), Prof.Dr.Heinrich Detering, Franziska Wolffheim, Werner Liersch, Wend Kässens, Burkhard Möbius.
Lukas Bärfuss wurde 1971 in Thun/Schweiz geboren (Link). Nach Tätigkeiten als Tabakbauer, Gabelstaplerfahrer, Eisenleger und Gärtner absolvierte er in Bern eine Buchhändlerlehre, die er 1997 abschloss. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller und überwiegend als Dramatiker. Seine ersten Stücke schrieb Bärfuss für das Underground-Theater jenseits des öffentlich subventionierten Betriebs. Allerdings konnte er sich mit Stücken wie „Siebzehn Uhr siebzehn" (2000), „Meienbergs Tod" (2001) oder „Vier Bilder der Liebe" (2002) rasch auch auf großen Bühnen etablieren. In den vergangenen Jahren wurde er vor allem in Deutschland mit seinen Stücken „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" (2003) oder „Die Probe" (2007) auf renommierten Bühnen gespielt, wobei das Echo in den Feuilletons mehr als lebhaft ausfiel. Als Erzähler trat Bärfuss vor dem nun zu prämierenden Roman bisher lediglich mit der Novelle „Die toten Männer" (2002) hervor.