Anne-Marie Schwarz-Torinus (1907 – 2004)

Als Anne-Marie Schwarz-Torinus 1938 von Berlin nach Neumünster zog, war sie als Malerin bereits auf dem Weg, sich einen Namen zu machen, und verfügte über Verbindungen zum Kunstbetrieb. So darf unterstellt werden, dass sich in ihrem Umzugsgut vor allem Pinsel, Farben und Papier befanden, um, wie sich dann zeigte, auch nach dem Umzug und den Veränderungen im Privaten weiterhin kreativ und künstlerisch tätig zu bleiben.

Im März 1938 hatten sie und der hier niedergelassene Zahnarzt Erich Schwarz geheiratet. Sie lernten sich in Berlin kennen, Ende der 1920er Jahre, als sich beide noch in den beruflichen Aus- und Fortbildungen befanden. Während der Verlobungszeit eröffnete Erich Schwarz 1936 im Haus seiner Eltern am Kuhberg 33 seine zahnärztliche Praxis und legte so den existenziellen Grundstein für die Heirat und die Familiengründung.

Die elterliche Familie Torinus lebte zur Zeit der Geburt von Tochter Anne-Marie in Soldin in der preußischen Provinz Brandenburg (heute Polen). Sie kam am 26. Juni 1907 in Bromberg (Westpreußen/heute Polen) zur Welt; die Mutter hielt sich zur Geburt dort bei ihren Eltern auf. Sie war das zweitjüngste von neun Kindern der Familie; drei Geschwisterkinder verstarben bereits im frühkindlichen Alter, eine Schwester mit 21 Jahren. Es blieben den Eltern Anne-Marie und vier weitere Mädchen.

Der Vater Robert Torinus (1870 bis 1941) war „Eisenbahner“ bei der Preußischen Staatseisenbahn (ab 1920 Deutsche Reichseisenbahn) und erreichte im Verlaufe seines Berufslebens die Position eines technischen Eisenbahnoberinspektors. Seine Tätigkeit brachte es mit sich, dass die Familie oft umziehen musste; während der Kinder- und Jugendzeit der Tochter Anne-Marie lebten sie in Soldin (siehe oben), in Oppeln (Oberschlesien, heute Polen) und ab 1923 in Berlin. Der Vater und die Mutter Hedwig (1874 bis 1944) galten beide als handwerklich geschickt, der Vater zudem als begabt in der Musik, im Zeichnen und im Malen.

Die als die fünf „unzertrennlichen Mädchen“ bezeichneten Töchter wuchsen vor diesem Hintergrund gut behütet in einem Elternhaus heran, das sie mit ihren unterschiedlichen Begabungen förderte. So erhielt z.B. Tochter Anne-Marie, als man ihr Zeichentalent erkannte, frühzeitig privaten Malunterricht bei einer Künstlerin. Ihre Liebe zur Natur wurde nachhaltig in den Jahren in Oppeln geprägt, als sie und die Schwestern der „Wandervogel-Bewegung“ angehörten.  
Allen Töchtern ermöglichten die Eltern den Besuch guter Schulen als Grundlage für anschließende Berufsausbildungen. In Soldin besuchte Anne-Marie eine Privatschule für höhere Töchter und in Oppeln das Städtische Lyzeum. Ihre Schulbildung schloss sie in Berlin an einer Oberschule für Mädchen mit dem „Einjährigen“ (Mittlere Reife) ab. Es folgte anschließend von 1927 bis 1930 in sechs Semestern eine Ausbildung zur Modezeichnerin am Lette-Haus Berlin.
Das Lette-Haus, eine Einrichtung des Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Lette-Vereins, ist bis heute eine renommierte Ausbildungsstätte in der Form einer privaten Berufsfachschule; im Fachbereich Modedesign wird in einer Meisterklasse unterrichtet und ausgebildet.

Nach Abschluss der Ausbildung erhielt sie eine Anstellung bei der Berliner Modezeitung „Der Bazar“, einer illustrierten Damen-Zeitung, die ab 1932 im Ullstein-Verlag und nach dessen sogenannter „Arisierung“ (nach 1933) im Deutschen Verlag erschien. In den Jahren bis Anfang 1938 erledigte sie neben der Tätigkeit für die Damen-Zeitung zusätzlich Aufträge für die verlagseigenen Blätter „Grüne Post“ und „Morgenpost“ sowie im Reklamebereich. Parallel zur Ausbildung und zur Berufstätigkeit suchte sie nach Möglichkeiten, sich als Künstlerin frei entfalten zu können; dabei stand ihr der spätere Ehemann Erich Schwarz anregend und bestärkend zur Seite. Sie fand Kontakt zu dem 1928 gegründeten Nürnberger Michel-Verlag, der heute noch existiert und Teil der Print- und Mediengruppe Paul ist. In dieser Zusammenarbeit kamen die ersten Postkarten mit von ihr gemalten Blumenmotiven heraus, die im Kunsthandel erfolgreich vertrieben wurden. Damit hatte sie eine Nische entdeckt, in der sie sich etablieren und einen Namen machen konnte.

Mit der Heirat am 05. März 1938 und dem Wegzug aus Berlin beendete sie ihre angestellte Berufstätigkeit und  war, von Auftragsarbeiten abgesehen, künstlerisch künftig unabhängig und freischaffend.  Sie verband ihren im Kunstbereich bereits bekannten Mädchennamen mit dem Ehenamen und signierte fortan alle Arbeiten mit „Anne-Marie Schwarz-Torinus“; inzwischen konnte sie mit ihrer Kunst ein gutes Einkommen erzielen. Zusammen mit den Einkünften aus der Zahnarztpraxis war den jungen Eheleuten wirtschaftlich ein guter Start gelungen; sie lebten in einer größeren Wohnung am Kuhberg 33.

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges am 01. September 1939 folgten Jahre, die überschattet waren von Verlusten, Sorgen und Ängsten. Im Februar 1940 wurde das erste Kind geboren, das sie jedoch nach wenigen Wochen wieder verloren. Zeitgleich erhielt der Ehemann die Einberufung zum Kriegsdienst; er kam nach Frankreich, später nach Russland.

Die Malerei half zunächst über die Zeit; 1940 bis 1942 konnten im Michel-Verlag während der Kriegsjahre noch die ersten kleinformatigen Blumenkalender erscheinen, außerdem wurden 1943 zwei  Märchenbücher („Frau Holle“ und „Hänsel und Gretel“) veröffentlicht. Ein druckfertiges Kinderliederbuch ging dagegen bei einem Bombenangriff auf das Verlagsgebäude in Nürnberg verloren; hiervon existieren nur noch einige Originalzeichnungen (im Besitz der Familie).

Im November 1943 nahm sie ihre verwitwete und schwer erkrankte Mutter zu sich; diese hatte sich nach der Evakuierung aus Berlin zuletzt in Ostpreußen aufgehalten. Ende Januar 1944 fanden sich beim Tod der Mutter alle Schwestern hier noch einmal zusammen.

Noch im selben Jahr wurde beim Bombenangriff am 25. Oktober 1944 fast die gesamte Front des Kuhbergs zwischen Christianstraße und Kieler Straße zerstört, u.a. auch das Haus der Familie Schwarz. Wohnung und Praxis lagen in Trümmern, verloren ging für Anne-Marie Schwarz-Torinus auch ein Großteil der Unterlagen und Ergebnisse ihrer künstlerischen Arbeit. Sie fand ein Unterkommen bei Bekannten, eine Dachkammer wurde zur vorläufigen Bleibe.  

Der Ehemann kehrte im November 1945 schwerkrank aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. In einem stehengebliebenen Teil des weitgehend zerstörten Hauses am Kuhberg richteten sie ein Zimmer notdürftig her, das ihnen und ihrem im Dezember 1946 geborenen Sohn Eckhard für die nächste Zeit als Wohnung diente. Im Herbst 1946 nahm Erich Schwarz seine zahnärztliche Tätigkeit in einer in der Kieler Straße gemieteten Praxis, ausgestattet mit von   Kollegen geliehenem Inventar, wieder auf. Schließlich konnte 1950 mit einem Neubau am Kuhberg die eigene Praxis neu eingerichtet und wiedereröffnet werden. Gleichzeitig endete damit das provisorische Wohnen, der Neubeginn war geschafft. Erich Schwarz führte seine Praxis bis 1977; sie ging dann auf den Sohn Eckhard über, der wie der Vater Zahnmediziner wurde. Zwei Jahre später, 1979, verstarb Erich Schwarz.

Soweit es ihr möglich war, arbeitete Anne-Marie Schwarz-Torinus auch während der Kriegsjahre und in der Zeit des bedrängten Wohnens in den Nachkriegsjahren.  
Nach dem Erscheinen der ersten Blumenkalender („Mit Blumen durch das Jahr“) in den Jahren 1940 bis 1942 musste die Arbeit an dieser Reihe während des weiteren Kriegsverlaufs und der ersten Nachkriegsjahre unterbrochen werden. Ab 1950 wurden sie dann wieder herausgegeben, und damit begann eine Tradition und zugleich eine Erfolgsgeschichte, die insgesamt 51 Jahre bis 1998 andauerte.  Mit gleichem Erfolg malte/zeichnete sie ab 1953 bis 1986, als über 30 Jahre, Motive für die beliebten Märchenkalender.
Anfangs erschienen alle Kalender (im Postkartenformat) noch beim Michel-Verlag, ab 1955 dann im Münchener Korsch-Verlag; in den Jahren 1961 bis 1997 wurden die Blumenkalender zudem großformatig als „Mein großer Blumenkalender“ angeboten.
Ein Erfolg wurde darüber hinaus der 1961 erschienene immerwährende Kalender für Gedenktage mit dem Titel „Für Dich und für Mich“ (Bleistiftzeichnungen).  Liebhaber können diesen Kalender heute noch im Internet erwerben.
Von der großen Beliebtheit, der sich die weltweit vertriebenen Kalender, die motivgleichen Postkarten sowie ihre Glückwunschkarten erfreuten, zeugt, wie die Familie berichtet, die zahlreiche „Fan“-Post, die Frau Schwarz-Torinus im Laufe der Zeit erhielt.  Insgesamt hat sie allein für die Blumenkalender rund 450 Motive gemalt.

Besondere Arbeiten waren für die Künstlerin die Illustration des 1967 im Wachholtz-Verlag erschienenen Buches „Geschützte Pflanzen in Norddeutschland“ von W. Christiansen sowie der 1984 im Broschat-Verlag, Hohenwestedt, herausgegebene Band die „Fünf Märchen“ von Theodor Storm.

Frau Schwarz-Torinus beherrschte mehrere Techniken, um sich künstlerisch auszudrücken; sie arbeitete mit dem Bleistift, fertigte Holzschnitte, Radierungen und Scherenschnitte. Überwiegend jedoch malte sie mit Aquarellfarben. Die mit feinem Pinselstrich geführte naturgetreue, detail- und farbenreiche Wiedergabe der Blumen und Pflanzen waren und sind eine Augenfreude und erklären damit von selbst den großen Verkaufserfolg über die lange Zeit. Gleiches gilt für ihre Märchenbilder, die ihr besonders am Herzen lagen. Sie malte und zeichnete zu Hause an ihrem Schreibtisch, auch draußen in der Natur, und das bis ins hohe Alter.

Ein besonderer Ort wurde für die Familie im Laufe des Lebens die Insel Amrum. Hier fand man Erholung, für Anne-Marie Schwarz-Torinus war Amrum zudem eine künstlerische Inspiration, die sich u. a. in ihren „Inselblumen“ niederschlug. Eine große Freude dürfte für sie gewesen sein, dass die schon in ihrer Herkunftsfamilie angelegte künstlerisch-kreative Begabung auch auf den Enkel Ole Schwarz übergegangen ist; als freischaffender Künstler hatte er bereits mehrere Ausstellungen und ist jetzt als erfolgreicher Filmemacher tätig.

Anne-Marie Schwarz-Torinus verstarb am 22. April 2004 in ihrem 96. Lebensjahr; sie wohnte, bis auf die letzten beiden Lebensjahre, am Kuhberg.

Als der letzte Kalender 1998 erschien, befand sie sich im 91. Lebensjahr und konnte auf eine jahrzehntelange erfolgreiche künstlerische Arbeit zurückblicken. Von dem Verleger Adolf Korsch ist überliefert, dass er sie künstlerisch und persönlich hoch schätzte; die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit ihr betrachtete er als einen Glücksfall für sein Unternehmen.   

Heute stehen die Kalender, die dem Bedürfnis und dem Geschmack der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis weit in die 1990er Jahre entsprachen, nicht mehr in den Verkaufsregalen. Aber wer weiß, Mode, Geschmack und Anspruch verändern sich im Laufe der Zeiten und vielleicht, eines Tages, erscheinen sie wieder, die kleinen Postkartenkalender mit den wunderschönen Blumenmalereien und den liebevoll gestalteten Märchenbildern.

Im öffentlichen Erinnern hat Anne-Marie Schwarz-Torinus einen bleibenden Platz unter den Künstlerinnen und Künstlern aus und in Neumünster.  
 
Ausstellungen:

  • 1939 Hamburger Galerie „Commeter“
  • 1952 Künstlergemeinschaft „Die Schaffenden“; Künstlerinnen und Künstler aus Neumünster:
    –  in der AEG-Baracke, Goethestraße
    –  Weihnachtsschau in „Horns Hotel“ und im „Ratskeller“
  • 1958 Kunstausstellung Textilfachschule Neumünster; Anlass 80. Geburtstag von Karl Barlach; Bilder u.a. auch von Max Werner, Rudolf Stelling und Anne Dittmer
  • 1976 „Orchideenbilder“ anlässlich einer Tagung der Deutschen Orchideengesellschaft in Kiel/Ostseehalle
  • 1976 „Inselblumen“; Mühlenmuseum, Nebel auf Amrum
  • 1977 „Märchenbilder“; Textilmuseum Neumünster; Ausstellung aus Anlass des 70. Geburtstages von Anne-Marie Schwarz-Torinus
  • 1978 gemeinsame Ausstellung von sechs Künstlerinnen aus Neumünster im Textilmuseum und in den Räumen der Stadtwerke
  • 1985 „Kunstlandschaft Neumünster“; Gemeinschaftsausstellung im Rathaus
  • 1988 „Kunstlandschaft Neumünster“; Gemeinschaftsausstellung

Heide Winkler
Mai 2021

Quellennachweis

  1. Erste Recherchen stammen von Sighild Klamt im Zusammenhang mit der Ausstellung 2014
  2. Chronik der Familie Torinus; zur Verfügung gestellt von Eckhard Schwarz
  3. Ergänzungen in Bezug auf Persönliches, Daten und künstlerische Tätigkeit von Eckhard Schwarz
  4. Diverse Besprechungen in der Presse anlässlich der Ausstellungen
  5. Internet:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Lette-Verein
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wandervogel
    – Michel-Verlag: Verlagshistorie
    – Korsch-Verlag: Verlagshistorie