Marie Hinselmann (1873 – 1975)

Kaum bekannt ist in Neumünster, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Marienstraße mit den schönen alten Villen und dem am Waschpohl befindlichen historischen Gebäude mit dem vorspringenden Erker und mit der Jahreszahl 1902 (römische Ziffern) oben am Giebel.

Was beides verbindet, sind die Eheleute Detlev und Marie Hinselmann. Sie entstammten örtlichen Brauereibesitzerfamilien, heirateten 1894 und lebten bis zu ihrem Tod in diesem Haus, das sich zu ihrer Zeit am Großflecken, direkt gegenüber vom Rathaus, befand. Es handelte sich bei seiner Erbauung 1788 durch den Vorfahren D.H. Hinselmann um ein für Neumünster typisches zweigeschossiges Ackerbürgerhaus mit einem Krüppelwalm zur Vorderfront. 1901/02 ließ Detlev Hinselmann es aufwändig umbauen, wie es sich heute, von einigen Änderungen abgesehen, am Waschpohl befindet. Die Verlegung des unter Denkmalschutz stehenden Hauses an seinen heutigen Standort erfolgte 1986 im Zuge einer Neunutzung des Grundstückes am Großflecken.

Detlev Hinselmann, der über großen Grundbesitz in der Stadt verfügte, ließ 1897/98 zur Baulanderschließung die Marienstraße anlegen. Die nachfolgende Bebauung der erschlossenen Grundstücke weist auf eine bestimmte Käufergruppe hin, bei der ein Bedarf für gehobenen Wohnstil vorhanden war.  Für die Finanzierung der Straßenbaumaßnahme setzte Hinselmann die stattliche Mitgift seiner Ehefrau ein. Er hat es ihr gedankt durch die Benennung der Straße mit ihrem (Vor-)Namen.

Da Marie Hinselmann, geborene Harms, also die Namensgeberin für eine der schönsten Straßen in der Stadt ist, soll an sie erinnert werden. Sie wurde am 27. September 1873 als Tochter des Brauereibesitzers Johann Harms (1840 - 1898) und seiner Ehefrau Ida (1841 - 1921) am Kleinflecken geboren. Ihr späterer Ehemann Detlev Hinselmann war der am 20. Dezember 1862 am Großflecken zweitgeborene Sohn des Brauereibesitzers Detlev Hinrich Hinselmann (1824 - 1896) und seiner ersten, früh verstorbenen Ehefrau Augusta (1842 - 1878).
 
Die Brauereien Hinselmann und Harms waren Konkurrenzunternehmen vor Ort, die sich durch die Heirat der Kinder im Privaten miteinander verbanden. Dahinter stehen die spannenden Geschichten dieser Familien und ihrer Brauereien, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert für mehr als 100 Jahre eng mit der Geschichte des Fleckens und der späteren Stadt Neumünster verbunden waren – insoweit wird auf die Anhänge zu dieser Biografie verwiesen.  

Marie Hinselmann starb am 19. Juli 1975 in ihrem 102. Lebensjahr. Von ihr gibt es schriftliche Aufzeichnungen, in denen sie aus ihrem Leben und aus dem Leben der Familien berichtet. Da sie im Alter erblindete, konnte sie diese Berichte nicht vollenden. Die Familie hat jedoch 1966 fortsetzende Gespräche mit ihr geführt, von denen Tonaufzeichnungen existieren.  Zu diesem Zeitpunkt war Frau Hinselmann 93 Jahre alt. Sie erzählt, sich wach und detailreich erinnernd, lebhaft, auch humorvoll und hin und wieder ins Plattdeutsche fallend, von familiären Anlässen, gesellschaftlichen Begegnungen und Freundschaften, kulturellen Ereignissen, von der politischen Situation nach dem 1. Weltkrieg, die eigene politische Einstellung und vieles mehr. Diese Aufzeichnungen sowie weitere in den Quellen aufgeführte Veröffentlichungen und Unterlagen sind Grundlage dieses Berichts:

Marie Harms, die man in der Familie nur „Mimi“ nannte, war das dritte Kind von Johann und Ida Harms. Von insgesamt acht Kindern erreichten nur vier das Erwachsenenalter, und zwar außer ihr die Schwester Ida (1880 - 1943) sowie die Brüder Carsten H. Johann (1875 - 1917) und Theodor (1886 - 1964). Die Familie lebte zusammen mit den Großeltern Marie und Friedrich Harms am Kleinflecken 6 in einem Haus, das zusammen mit dem 1876 angebauten Querbau zum Schleusberg hin als eines der schönsten Fachwerkbauten im Stil der Ackerbürgerhäuser galt. Im Vorderhaus am Kleinflecken, der seit 1865 als Grünanlage gestaltet war, wurde gewohnt. Im Querbau befand sich die bereits um 1822/1826 gegründete Brauerei Harms. Das gesamte Anwesen ist im 2. Weltkrieg bei einem Bombenangriff am 07.April1945 zerstört worden. Heute befindet sich an der Stelle das Museum „Tuch + Technik“.

Sie sei einfach und pflichtbewusst erzogen worden. Das Leben habe sich im Hause abgespielt. Sie sei gern zur Schule gegangen und wurde mit 15 Jahren konfirmiert. Danach sei sie bei ihrer Mutter in der Hauswirtschaft angeleitet worden, für ein Vierteljahr habe sie noch eine Kochschule in Kiel besucht. Sie erklärte nicht näher, welche Schule sie besucht hat. Während ihrer Schulzeit (wohl zwischen 1879/80 und 1888/89) war das öffentliche Schulangebot für Mädchen noch sehr bescheiden und bestand aus einer 5-klassigen, ab 1884 einer 6-klassigen Mädchenschule. Für eine qualifiziertere Schulausbildung gab es für Mädchen nur die Möglichkeit zum Besuch einer Privatschule. Es gibt von ihr keinen Hinweis darauf, dass sie eine solche Schule besucht hätte. Sie erzählte vielmehr, dass sie gern weiter gelernt hätte, nach der Konfirmation habe sie aber ihre Bücher weglegen müssen, um die Hauswirtschaft zu erlernen.

Der Großvater Friedrich Harms starb 1885 im Alter von 70 Jahren. Er war der zweite Ehemann der Großmutter Marie. Als Bruder des 1842 früh verstorbenen ersten Ehemannes Johann hatte er auf dessen Wunsch hin Verantwortung für die Familie und den Betrieb übernommen und die Witwe geheiratet. Marie Harms war eine bemerkenswerte Frau, von der gesondert zu berichten sein wird. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie vom Kleinflecken zu ihrer Tochter Elsabe Wohlers am Großflecken 55.

Hauptkonkurrent der Brauerei Harms war die Brauerei Hinselmann am Großflecken. Man kannte sich, man traf sich bei geselligen Veranstaltungen, und 1894 überraschten Marie (Mimi) Harms und Detlev Hinselmann mit ihrer Verlobung. Sie erzählte in humorvoller Erinnerung, dass die Kutscher der beiden Firmen sich nun plötzlich bei Begegnungen mit einem Peitschenknall begrüßten und nicht mehr nur das Bier ihres jeweiligen Arbeitgebers, sondern „Melange“ tranken: „Wi weet jo nich, mit wem wi dat nu holen mütt…!!“

Johann Harms muss es damals schon zu beachtlichem Wohlstand gebracht haben. Immerhin war er in der Lage, seiner Tochter bei ihrer Verheiratung eine Mitgift in Höhe von 100 000 (Gold-)Mark sowie eine stattliche Aussteuer mitzugeben.

In den Jahren bis 1903 wurden dem Ehepaar Marie und Detlev Hinselmann fünf Kinder geboren, vier Töchter und ein Sohn. Die Familie beanspruchte sie, zumal der 1896 verstorbene und verwitwete Schwiegervater, Brauereibesitzer Detlev Hinrich Hinselmann, zwei unmündige Töchter aus seiner zweiten Ehe hinterließ, für die mit zu sorgen war.

Mit Beginn der Ehezeit tat sich für Marie Hinselmann neben der Familiengründung auch gesellschaftlich eine neue Welt auf. Unter anderems besuchte man Opernaufführungen und Konzerte in Hamburg und Berlin und reiste nach Bayreuth zu den Wagner-Festspielen. Aus ihren Erzählungen erhält man den Eindruck, dass sie eine vielfach interessierte Frau war, die alle Möglichkeiten nutzte, um ihr Wissen zu erweitern. Es klingt das Bedauern durch, dass sie „nur ihre Schulbildung“ gehabt habe. Sie fand Kontakte und Freundschaften u.a. in intellektuellen Kreisen aus Kiel und begann, zu Vorträgen, musikalischen Veranstaltungen, Lesungen u.ä. in ihr Haus einzuladen. Noch ganz in ihrer Zeit erzählte sie, dass ihr Mann dies alles erlaubte und sie auch unterstützt habe. Wer als Gast zu diesen Veranstaltungen geladen wurde, wird nicht ganz deutlich, sie meinte ganz allgemein, dass doch viele davon profitiert hätten. Es scheint, dass man „unter sich“ blieb, also im Kreis von Freunden und Verwandten, so dass es nicht zu einer prägenden kulturellen Außenwirkung kam. Darauf weist auch das Bedauern des Oberbürgermeisters Max Röer (von 1894 – 1919) hin, der nicht bzw. erst spät während seines Ruhestandes einmal geladen wurde.

Materiell ging es der Familie Hinselmann sehr gut. An der Brauerei, die seit 1874 in der Rechtsform einer Kommanditgesellschaft geführt wurde, hielt Detlev Hinselmann anfangs noch große Anteile, die er aber später verkaufte. Er habe kein Interesse an der Brauerei gehabt, erzählt seine Frau, vielmehr habe er sich um den großen Grundbesitz, über den er verfügte, gekümmert. Er begann, in den Ausbau von Straßen zu investieren und das auf diese Weise erschlossene Bauland lukrativ zu verkaufen. So habe sich ja auch ihre stattliche Mitgift in Pflastersteine beim Ausbau der Marienstraße verwandelt (siehe oben).  

Über die Kriegsjahre 1914/18 erfährt man in den Erzählungen kaum etwas, sehr wohl aber über die Beurteilung der politischen Situation nach Ende des Krieges. Frau Hinselmann war sich bewusst, dass sie in einer privilegierten Situation lebte. Das bedeutete aber nicht, dass sie die Augen verschloss vor der sozialen Not um sie herum. Sie habe dies schon als Kind wahrgenommen, als sie noch am Kleinflecken lebte. Deshalb brachten sie und ihr Mann nach Ende des 1. Weltkriegs viel Verständnis auf für die politischen Forderungen der Sozialdemokratie. Wie ihr enger Freund Prof. Otto Baumgarten (linker Reformtheologe, ursprünglich nationalkonservativ, ab 1919 in der linksliberalen DDP aktiv) waren sie der Meinung, dass man zu den Sozialdemokraten eine Brücke bauen müsse. Diese politische Positionierung haben Hinselmanns sicher auch offen geäußert, jedenfalls, so erzählte sie, bezeichnete man sie in Fabrikantenkreisen fortan als “Sozialistin“. Sie empörte sich noch in ihrem hohen Alter über die gesellschaftliche Ausgrenzung, die ihr Freund Otto Baumgarten in jener Zeit erfahren habe.

Tatsächlich wurde Detlev Hinselmann entsprechend der geschilderten Einstellung politisch aktiv und vertrat die bürgerliche Seite in der letzten noch nach preußischem Wahlrecht zusammengesetzten Stadtverordnetenversammlung. Nachdem diese am 24. Januar 1919 aufgelöst wurde, taucht sein Name bei der nachfolgenden Wahl in den Kandidatenlisten jedoch nicht mehr auf.

Der damaligen Frauenbewegung stand sie offen gegenüber. Sie war Mitglied im Bund Norddeutscher Frauenvereine, ohne aber selbst aktiv zu werden. Der Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer sei sie mehrfach begegnet, wenn diese in Neumünster bei Freunden auf Besuch weilte. Trotz ihrer aufgeschlossenen Sicht auf die soziale Lage gibt es keinen Hinweis, dass sich hieraus ein aktiver Einsatz z.B. in der Kriegsfürsorge, die den Frauenvereinen während des 1. Weltkriegs übertragen worden war, entwickelt hätte. Viele Frauen aus ihren Kreisen übernahmen damals Aufgaben als “Bezirksdamen“ und betreuten in den ihnen zugewiesenen Bereichen in Not geratene Frauen/Familien. Der Name von Frau Hinselmann wird in den Unterlagen lediglich als stellvertretende Bezirksdame aufgeführt; inwieweit sie in dieser Funktion dann tatsächlich tätig wurde, ist nicht mehr feststellbar.  

Im Privaten berichtete sie in den Tonaufzeichnungen über die Verheiratung von drei ihrer Töchter sowie den tragischen Tod des einzigen Sohnes Hans im Sommer 1939 in Warschau. Die älteste Tochter blieb unverheiratet, wurde Krankenschwester, hielt sich lange im Ausland auf und betrieb zeitweilig unten im Hinselmann-Haus einen kunstgewerblichen Laden, der mit Kriegsbeginn aufgegeben werden musste.  

Der Ehemann Detlev verstarb am 24. August 1947. Sie hat ihn nahezu 28 Jahre überlebt. Leider äußerte sich Frau Hinselmann in den Tonaufzeichnungen nicht dazu, wie man durch die Zeit des Nationalsozialismus und die Kriegsjahre kam. Es gibt nur, ohne konkreten Bezug, ein paar kurze allgemeine kritische Anmerkungen.

Zusammenfassend bleibt der Blick auf eine Frau, die sich nicht, wie seinerzeit in ihren Kreisen vielfach üblich, auf familiäre und häusliche Aufgaben sowie gesellschaftliche Verpflichtungen beschränken ließ. Vielmehr war sie darüber hinaus kulturell aktiv, sozial und politisch interessiert und beschreibt nicht ohne kritischen Ansatz das Leben und Denken der seinerzeit in Neumünster tonangebenden Schicht.

Für das öffentliche Erinnern an Marie Hinselmann (geborene Harms) steht die Marienstraße.

Heide Winkler
März 2021

Familien Harms und Hinselmann

Familien Harms und Hinselmann

  1. Namenstafel der Familie Harms; persönliche Daten auch in Bezug auf die Kinder von Detlev und Marie Hinselmann
  2. Aufzeichnungen von Margret Harms aus dem Jahr 1931 (Nichte von Marie Hinselmann, Tochter ihres Bruders Carsten Johann
  3. Mündliches Zeugnis durch Frau Hinselmann (Interview), aufgezeichnet auf drei Kassetten; siehe auch Hinweis  
  4. Ergänzend hierzu: Vermerk über ein Telefonat vom 18. 03. 2019 zwischen Frau Spreckelsen/Heide Winkler in Bezug auf die Kassetten mit den aufgezeichneten Interviews / siehe auch abschließenden Hinweis  
  5. Städt. Archiv, Archivnr. 5.496, Liegenr.401/06:  Stammbaum der Familien Röseler, Renck, Roth und Hinselmann;

außerdem diverse Grabinschriften und im Internet unter http://Grabsteine.genealogy.net > Grabsteine > Nordfriedhof und Südfriedhof unter dem Namen „Hinselmann“   

Marie Harms
6.    Abbildung „Blaue Tasse“
7.    Porträtfotos Marie und Friedrich Harms/mit Datenhinweisen
8.    „Heimatkunde Neumünster und Umgebung“, 1925, Wachholtz-Verlag, Hermann Lüttjohann;  daraus 2 Anlagen = S. 68:  Fachwerkbau am Kleinflecken sowie Hinweis auf Marie Harms und ihren Sohn Johann; S. 81:  Friedrich Harms/ Anlegung Friedrichstraße 1854.
9.    „Neumünster im 19. Jahrhundert“, zeitgenössisches Dokument; 1985, Verlag Buchhandlung Rathje: „Topografie des Fleckens Neumünster, 1836“, Pastor Kruse; S. 50 = Hinweis auf Wirtshaus am Kleinflecken
10.    Städt. Archiv; Archivnrn. 3.134/Liegenummer 749: Hundert Jahre Holsten-Brauerei Hamburg-Altona, 1979, u.a. Bild Fabrik Harms und Reklamebild
11.    Städt. Archiv; Archivnr. 2.763/Liegenr. 700/15: „75 Jahre Holsten-Brauerei“; Infos zur Übernahme des Braurechts Harms-Brauerei und Böes & Berkhof
12.    Der Hinweis zum artesischen Brunnen in der Brauerei Harms stammt von Margret Harms (siehe oben) und ist auch in den Unterlagen der Holstenbrauerei anlässlich der Übernahme Brauereirechte Harms nachzulesen.
13.    „Streifzüge durch Alt-Neumünster“, 1988, Wachholtz-Verlag, Marianne Dwars, S. 77/78 Fa. Hinselmann, S. 79/80 Marie Harms
14.    „Neumünster, Ein Lesebuch“, 1988, Husum-Verlag, Hrsg. Antje Erdmann-Degenhardt und Reinhold Möller; S. 46/47 Marie Harms
15.    „Alt-Neumünster, Postkarten garniert mit Lokalhumor“, 1981, Wacholtz-Verlag, Hans-Heinrich Rottgardt; S. 30, Marie Harms
16.    „Industriekultur in Neumünster“, 1988, Wachholtz-Verlag, Hrsg. A. Heggen und K. Tidow; S. 37 ff. betr. 24. März 1848
17.    „Neumünster, Die Geschichte“, Leuschner-Verlag, 1999, Dr. Ullemeyer/überarbeitet von A. Heggen, P.Schuster, K. Tidow; S. 31/32 betr. 24. März 1848
18.    Städt. Archiv; Auszug aus der handschriftlichen Chronik Haß betr. 24. März 1848
19.    Abschrift dieses Auszuges (zum besseren Lesen) und Anmerkungen hierzu von H. Winkler/2019
20.    Auszug aus einem Aufsatz zum Thema „Neumünster während der schleswig-holsteinischen Erhebung 1848 – 1951“; 1998; S. 136 ff., Dr. Carsten Obst, Leiter des Arbeitskreises „Stadtgeschichte Neumünster“; im Bestand der Stadtbücherei
21.    Beilage zum „General-Anzeiger“ Nr. 23/1923; längerer Artikel des Lehrers a.D.  D.J. Dittmann über die Ereignisse anlässlich des 100sten Geburtstags der Marie Harms   am 23. 03.1897 sowie Schilderung ihrer Lebensgeschichte
22.    „Neumünster Album“; 1989; Verlag Buchhandlung Rathje, Dr. Reinhold Möller; S. 54 f. und S. 60:  Fotos vom Harms-Haus am Kleinflecken 6;
außerdem: „Neumünster, Stadt ältester Traditionen“, 1966, Wachholtz-Verlag, Paul Sieck, S. 242 mit Hinweis auf „Mutter Harms“

Marie Hinselmann, geb. Harms
23.    Erste Recherchen stammen von Sighild Klamt im Zusammenhang mit der Ausstellung im Caspar-von-Saldern-Haus und im Rathaus 2014: „Frauen in der Geschichte Neumünsters“
24.    Porträtfoto von Marie Hinselmann  (1914/59 J.) und Altersfoto
25.    Kinderfoto von Marie Hinselmann
26.    Foto des Ehepaares Detlev und Marie Hinselmann; 1894; Jahr der Eheschließung
27.    Nachruf Marie Hinselmann; gestorben 19.07.1975
28.    Grabstein/Grabstätte Ehepaar Hinselmann; Südfriedhof; historisches Grab
29.    „Neumünster im 19. Jahrhundert“, 1985, Verlag Buchhandlung Rathje, darin: „Neumünster während der Jahre 1852 – 1863“ von Adolf Ipsen; S. 59 mit einer zeitgenössischen Beschreibung des Kleinfleckens
30.    „Das Neumünster-Buch“, 1985, Wachholtz-Verlag; Hrsg. Irmtraut Engling; S. 133 ff.: Schulverhältnisse in Neumünster 1879/1889/siehe auch bei Paul Sieck, S. 83ff.
31.    „Industriekultur in Neumünster“, 1988, Wachholtz-Verlag, Hrsg. A. Heggen und K. Tidow;  S. 125: Straßenausbauten durch D. Hinselmann
32.    Kriegsfürsorge; Wegweiser durch das Fürsorgeamt; S. 11; Vertreterin der Bezirksdame Frau Ströhmer
33.    „Neumünster vom Kaiserreich zur Inflation, Dokumentation von 1910 bis 1923“, Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte, 1983; S. 49 mit Hinweis auf politische Tätigkeit Hinselmann
34.    Auszug aus Adressbuch der Stadt Neumünster für das Jahr 1894 (erste Ausgabe); danach wurde zu dem Zeitpunkt von H.D. Hinselmann am Großflecken 58 noch eine Branntweinfabrikation betrieben; unter Berufsbezeichnung steht „Brennereibesitzer“
35.    Historische Hinweise auf die Familie Hinselmann; Gewerbe und öffentliches Wirken = Beilagen („Bilder aus der Heimat“) zum „General-Anzeiger für Neumünster“:
a)    Nr. 10/1921; Hinweis auf Ältermänner in der Totengilde im Jahr 1836; hier Hinselmann und Harms
b)    Nr. 14/1922; Hinweis auf Kornhändler Detlef Hinselmann im Jahr 1810
c)    Nr. 45/1922 Hinweis auf „Weißer Schwan“; Gaststätte Hinselmann im Jahr 1752
d)    Nr. 32/1922; Hinweis auf Fleckensvorsteher Hinselmann 1820
e)    Nr. 50/1922; Hinweis auf H.P. Hinselmann und auf C. Hinselmann; 1834
36.    „Dat Nyge Neumünster“, 1925, Verlag des Kunstgewerbemuseums Flensburg, Theodor Dittmann; S. 258: Hinweis auf Gaststätte „Weißer Schwan“ und D.H. Hinselmann
37.    „Tuchmacher am Teich“, 1989, Wachholtz-Verlag, Rudolf Tonner; S. 65/66: Hinweis auf Hans Peter Hinselmann, Wirt vom „Weißen Schwan“
38.    Auszüge aus dem Gildebuch der „Bürgergilde zu Neumünster seit 1578"; Hinweise auf Mitgliedschaften von Personen aus den Familien Hinselmann und Harms
39.    Städt. Archiv, Archivnr. 2.758, Liegenr. 700/16: „Zur Geschichte der Holstenbrauerei Neumünster, vormals Brauerei D.H. Hinselmann & Co. Neumünster, mit Chronik
40.    „Neumünster, Die Geschichte“, Leuschner-Verlag, 1999; Rudolf Ullemeyer/überarbeitet von A. Heggen, P.Schuster, K.Tidow; S. 58:  Fusion Hinselmann mit Holsten-Brauerei und Hinweis auf Grunderwerb Hinselmann Großflecken 58/60
41.    Dennoch“; Ullemeyer, 1977; Aufsatz aus Anlass des Stadtjubiläums 850 Jahre; S. 37/39: Bierherstellung nach bayerischer Art
42.    „Stadt ältester Traditionen Holsteins“, 1966, Wachholtz-Verlag; Paul Sieck, S. 159/160: Brauereien in Neumünster

Zum Hinselmann-Haus/heute Waschpohl
43.    „Das Neumünster Album“; 1989; Verlag Buchhandlung Rathje; Dr. Reinhold Möller; S. 34: Foto vom Hinselmann-Haus von 1898, also vor dem Umbau
44.    „Kulturdenkmale in Schleswig-Holstein, Stadt Neumünster“, 2006, Wachholtz-Verlag, bearbeitet von Lutz Wilde, Gert Kaster, Martin Becker; S. 282/283: Beschreibung des Hinselmann-Hauses
45.    Fotos im HC vom 28 03.1995 vom Hinselmann-Haus aus den Jahren 1917 und den fünfziger Jahren sowie Brauereigebäude  
46.    Hinselmann-Haus 1898, vor dem Umbau; Postkartensammlung C. Rathje
47.    Hinselmann-Haus, 1950er Jahre; Foto: W. Erben, Sammlung M. Krebs
48.    Brauereiwagen Hinselmann, ca. 1910er Jahre; Postkartensammlung C. Rathje

Hinweise:
– Die Unterlagen zu 1., 2., 6., 24., 25., 26. hat Herr Claus Harms, Aukrug, zur Verfügung gestellt. Dazu diverse Fotos und Unterlagen in Bezug auf die „Blaue Tasse“ und zur Brauerei Harms
– Zu Pkt. 2. = Die auf drei Bändern (Kassetten) aufgezeichneten Gespräche mit Frau Hinselmann aus dem Jahr 1966 wurden über Torsten Behrend, Mitinhaber der „Wittorfer Brauerei“, zur Verfügung gestellt.  
Er hat die Kassetten von dem Journalisten Jörg Lühn und dieser von Frau Helge Spreckelsen, Hasenredder 8, 24620 Husberg, erhalten. Frau Spreckelsen (inzwischen im Nov. 2020 verstorben) war ehrenamtlich im Besuchsdienst im „Haus Berlin“ engagiert und lernte in diesem Zusammenhang die Bewohnerin Margret Hinselmann, geb. Hinselmann (Tochter von Marie Hinselmann, verheiratet gewesen mit ihrem Cousin Prof. Hans Hinselmann) kennen. Es habe sich im Laufe der Zeit eine freundschaftliche und vertrauensvolle Beziehung entwickelt, in deren Folge ihr die Bänder von Frau Hinselmann übergeben wurden. Margret Hinselmann verstarb 1988.

Heide Winkler
März 2021

  • Familie Harms; Brauerei Kleinflecken

Im Einzelnen wird auf den Lebensbericht über Marie Harms, geborene Feldmann, Großmutter der Marie Hinselmann väterlicherseits, verwiesen. Ergänzend dazu noch folgendes:

Nach dem Tod des (zweiten) Ehemannes Friedrich 1885 trat der Sohn Johann jun. (geb.1840) aus der ersten Ehe der Frau Marie mit dem 1842 verstorbenen Johann Harms sen. das Erbe an.
Johann jun. hatte 1868 geheiratet. Zusammen mit seiner Frau Ida bekam er acht Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Zu diesen Kindern gehörten die spätere Marie Hinselmann sowie ihre Geschwister Carsten H. Johann, Ida M. und Theodor.
Unter Johann Harms jun. expandierte der Brauereibetrieb, zur Geschäftserweiterung wurde noch eine kleine Brauerei („Zur Linde“) hinzugekauft. Für die damit gewachsene Betriebsgröße erwies sich der Standort Kleinflecken schließlich als zu klein, und es erfolgte eine Geschäfts- und Produktionsverlegung in die Rendsburger Straße (heute Betriebsgelände der Stadtwerke Neumünster).

Als die Tochter Marie 1894 den Sohn des Konkurrenzunternehmens Hinselmann heiratete, musste Johann Harms jun. es bereits zu einigem Wohlstand gebracht haben. Immerhin war er, wie Frau Hinselmann erzählt, in der Lage, seiner Tochter neben der Aussteuer eine   Mitgift    in Höhe von 100 000 (Gold)Mark mitzugeben. Dies war zur damaligen Zeit ein ansehnliches Vermögen.

Völlig überraschend starb Johann Harms jun. 1898 im Alter von 57 Jahren. Sein Erbe, Carsten H. Johann Harms (geb. 1875, Rufname ebenfalls Johann), war zu diesem Zeitpunkt knapp 23 Jahre alt und damit zu jung, um das Geschäft zu übernehmen. Die Familie beschloss deshalb den Verkauf der Firma. Die neue Firma firmierte und produzierte weiter an der Rendsburger Straße unter dem Namen „Harms-Brauerei Böes & R. Berkhoff“. 1923 wurde das Braurecht dieser Firma von der Holsten-Brauerei übernommen. Damit endete die Geschichte eines sehr erfolgreichen und lange Zeit familiengeführten Unternehmens.  

Heide Winkler
März 2021

  • Familie Hinselmann; Brauerei Hinselmann, Großflecken und Brachenfelder Straße

Um 1760/1762 kaufte der Land- und Gastwirt D.H. Hinselmann das Grundstück Großflecken 58/60 von dem damaligen Fleckenvorsteher Jungmann. Auf diesem Grundstück war bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts (1638) eine Braustätte nachgewiesen.

Neben der Landwirtschaft betrieb D.H. Hinselmann am Großflecken eine Braunbierbrauerei und eine Branntweinbrennerei, außerdem bewirtschaftete er die angeschlossene Gastwirtschaft „Zum Weißen Schwan“. 1788 errichtete er hier ein zweistöckiges Ackerbürgerhaus mit dem typischen Krüppelwalm zur Front hin.
Ihm folgten jeweils die Söhne Detlef Hinrich (geb. 1769), Hans Peter (1793 – 1861), der auch das Amt eines Fleckenvorstehers innehatte, und schließlich Detlev Hinrich (1824 – 1896). Wegen der vielen Namensgleichheiten wird bei ihm im nachfolgenden Text ein “sen.“ hinzugesetzt.

D.H. Hinselmann sen. heiratete in erster Ehe Augusta S. Friederike, geb. Sawe  (1842 – 1878). Aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor, vier Töchter und vier Söhne. Nach dem frühen Tod der Ehefrau heiratete er noch einmal, und zwar Charlotte Emilie, geb. Sawe (1844 – 1889),   eine Schwester seiner ersten Frau. Aus dieser Ehe stammten zwei Töchter.

Um 1860/1864 begann Hinselmann sen., die Bierherstellung von Braunbier auf untergäriges Bier nach bayerischer Art umzustellen.  Mit dieser Umstellung auf ein lagerhaltiges Produkt gelang ihm die Entwicklung von einem kleinen Brau- und Schankbetrieb zu einer modernen Großbrauerei.  
Zunächst war nach der Neuausrichtung ausreichend Lagerraum zu schaffen. Dazu wurde 1864 an der Brachenfelder Straße ein Lagerkeller errichtet.  1874 folgte die Grundsteinlegung für eine neue Betriebsstätte ebenfalls an der Brachenfelder Straße; 1875 wurde in dem noch heute vorhandenen Brauereigebäude die Produktion aufgenommen.  Eine weitere Neuerung war ab 1893 die Einführung des Flaschenbieres.

Bereits 1873 hatte man die Firma auf Grund der wachsenden Größe formal in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt, KG D.H. Hinselmann & Co.; bis 1894 blieb Hinselmann sen. persönlich haftender Gesellschafter.
 
Nach dem Tod des Vaters 1896 trat der älteste Sohn, Hans Peter Hinselmann (1860 – 1954), für einige Jahre bis 1899 als Braumeister in den Betrieb ein. Nach seinem Ausscheiden war dann die Familie in der Firma persönlich nicht mehr vertreten, hielt aber ihre Anteile.
Marie Hinselmann erzählte in den mit ihr aufgezeichneten Gesprächen, dass ihr Mann (zweitgeborener Sohn des D.H. Hinselmann sen.) kein Interesse an der Brauerei gehabt habe und sich deshalb später auch von seinen Anteilen trennte.

1922 schließlich erfolgte die Fusion der KG Hinselmann & Co. mit der Altonaer Holsten-Brauerei. Formal erlosch die alte Firma 1927. Zuvor hatte die Holsten-Brauerei 1923 auch noch die Braurechte der alten Harms Brauerei sowie der Brauerei Böes & Berkhoff erworben.
Auf diese Weise kam es lange nach der privaten Verbindung der Familien auch zu einer Verschmelzung der Familienunternehmen unter dem Dach der Holsten-Brauerei.

Nachzutragen ist noch:
Mitglieder der Familie Hinselmann mit ihren verschiedenen Zweigen haben schon im 18. und 19. Jahrhundert im politischen und gesellschaftlichen Leben eine bedeutende Rolle gespielt und auch Verantwortung übernommen. Um 1820 und mindestens bis weit in die 1830er Jahre hinein war H.P. Hinselmann (1793 – 1861) Fleckenvorsteher bzw. Mitglied des Fleckenkollegiums. Außerdem gehörten viele von ihnen der Bürgergilde (damals auch Totengilde) an und wirkten mit in verschiedenen Funktionen.  Gleiches gilt für Mitglieder der Familie Harms.

Heide Winkler
März 2021